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Es tanzt ein Bi-ba-butzemann

Unsere erste 24-Stunden-Wanderung in kleiner Runde 2010

Herrje, das Licht tut gut! Endlich, nach zwölfstündigem Marsch durch die Dunkelheit, geht die Sonne auf. Und wir sitzen in der ersten Reihe, auf dem Gipfel des Feldbergs und blinzeln schweigend nach Osten. Rasch hebt sich der glühende Ball über die tief liegende Wolkendecke. Den härtesten Teil der Tour haben wir hinter uns.

Vor ziemlich genau 15 Stunden war ich mit der Original-Schwarzwald-Mannschaft in Sulzburg zu einer 24-Stunden-Wanderung aufgebrochen. Was wir wissen wollten: Was hat der Schwarzwald zu bieten, wenn man ihn einen Tag lang mit stets wachen Augen durchquert?

Unsere Wandermannschaft brachte zumindest physisch die besten Voraussetzungen mit: Daniela Bieg und Andreas Gnädinger sind bei Original-Schwarzwald Schneeschuh-Guides, kommen beide aus dem Leistungssport und wissen, was es heißt, sich zu schinden. Patricia Ebner macht bei Original-Schwarzwald normalerweise das Marketing, ist auf der Wandersohle aber ein Ass. Mich selbst hielt ich folglich für den schwächsten Teil der „Seilschaft“, hatte ich doch bisher lediglich auf Langlaufski Kondition bewiesen.

Denn: Wie hält man sich bei Laune, wenn man 24 Stunden wandert? Fangen irgendwann die Gelenke an zu knirschen? Und was, wenn ich mir noch vor Einbruch der Dunkelheit solche Blasen gelaufen habe, dass ich aussteigen muss? Immerhin bin ich der Expeditionsleiter.

Start um 17 Uhr in Sulzburg

Am Fuß der Reben marschierten wir im Sonnenschein nach Staufen. Vor dem Rathaus dudelte ein Akkordeonspieler: „Qué seré, será“. Na mal sehen. Erstmal ein Eis aus der „Kalten Sophie“ in der Hauptstraße, charmant über die Theke gereicht von Berit und Annabell. So konnte es weitergehen, ab ins Münstertal. Der Akkordeonspieler schickte uns noch ein paar Takte hinterher: „Es tanzt ein Bi-ba-butzemann“. Na mal sehen.

Im Münstertal verkündete Paddy Ebner feierlich unsere exakte geografische Position: „Seit der Überquerung des Neumagen befinden wir uns im Obermünstertal“. Die Glocke von St. Trudpert schlug acht Mal, es war bereits stockdunkel.

Zum Abendessen schlüpften wir in die warme Stube des „Hotel Spielweg“. „Hända a Stündle Zit?“, fragte Patron Karl-Josef Fuchs. „Ich hab was Zackig´s vorbereitet.“ Nur um kurz darauf nacheinander Kalbshaxe, ein „Süppli“, Frischkäse-Ravioli und „a Kas“ zu servieren. Es blieb nicht beim „Stündle“. Doch wir mussten weiter, tiefer in die Nacht.

Nun tanzten die Stirnlampen auf unseren Köpfen

wie Extralarge-Glühwürmchen, stetig marschierte die Kolonne am Neumagen hoch in Richtung Stohren. Ich erinnerte mich an die Worte von Karl-Josef Fuchs, der unten gesagt hatte: „Früher kamen die Fuhrwerke bis zu uns mit zwei Pferden. Und fuhren mit vier oder sechs weiter. Wegen der Steigung.“ Noch ging´s, doch die Nacht hatte erst begonnen.

Kurz nach Mitternacht klopften wir an die Tür des „Zähringer Hof“ von Christoph Riesterer. Herrje, der arme Mann hatte den Laden eigentlich schon dicht gemacht. Es war ein sonniger Tag gewesen, viel Betrieb. Dennoch tischte er uns fürsorglich Tee und Kartoffelsuppe auf. Aber er sah ganz froh aus, dass er in dieser Nacht nur noch eine Dusche und dann sein Bett vor sich hatte. Nein, tauschen mochte er nicht mit uns. „Gute Nacht“, sagte er, schloss die Tür, wir stiefelten zurück in die Dunkelheit.

Stundenlang nur Wald. Mal eine Wegkreuzung, mal eine Pinkelpause, durch die Nacht wehte eine milde Brise. Wir waren die einzigen Menschen auf der Welt, abgekoppelt, parallel unterwegs, alles schlief. Wir liefen, liefen und liefen, eingehüllt in die bläuliche Aura der Stirnlampen. Doch zu schnell! Am Stübenwasen, rund 300 Meter unterhalb des Feldberg-Gipfels, rasteten wir. Schließlich wollten wir zum Sonnenaufgang oben sein und nicht schon Stunden vorher.

Die „Belchengeist“-Flasche kreiste

Berggeschichten machten die Runde, nur nicht einschlafen. Andi Gnädinger, noch immer in kurzen Hosen, kochte sich auf seinem mitgeschleppten Gaskocher einen Espresso. „Qué será, será.“ Dann der Aufbruch ins Morgengrauen, das immer goldener wurde. Fichten wie Scherenschnitte und dann, als schwarze Silhouetten auf dem Gipfel: die Feldbergtürme. Das Tempo zog an, Gipfelsturm, herrje, diese vermaledeiten Stufen hinter der St. Wilhelmer Hütte, Geschnaufe!

Oben geht die Sonne auf, wir erscheinen pünktlich, alles wird gut. „Ui, das hat sich gelohnt“, jubelt Dani Bieg. Bergfest.

Weil die Kartoffelsuppe von Christoph Riesterer schon mehr als acht Stunden zurückliegt, stürzen wir uns einige Meter unterhalb des Gipfels dankbar auf das selbst gebackene Brot und die hausgemachten Müsliriegel von Gabi und Baldur Hornig in der St. Wilhelmer Hütte.

Und als wir Abschied nehmen, beginnt bereits die Kür. Kilometer um Kilometer spult die Wandertruppe nun ab, die bereits seit Stunden ihr kollektives Tempo gefunden hat. Auf dem „Feldbergsteig“ patsche ich übermütig barfüßig durch einen Bach, keine gute Idee. Unten lastet auf dem Tal dichter Nebel.

Wir wandeln über den Dingen, auf der Sonnenseite, Wandern in Vollendung.

Doch freilich setzen wir uns auf jede Bank am Wegesrand. Auf der Baldenweger-Hütte bestaunen wir ausgiebig den Viehabtrieb, vor dem Raimartihof werden wir Zeuge der letzten Wandererschwemme dieser Saison – kurz davor über die Ufer zu treten.

Jedesmal wieder aufstehen, die Stiefel schnüren, die jetzt tatsächlich knirschenden Gelenke auf Betriebstemperatur bringen. Wieder spulen wir Kilometer um Kilometer ab, viel Wald und jetzt viele Wanderer. Wir blicken auf sie herab. Denn wir kommen von oben, aus der Nacht, wo die Sterne strahlten. So langsam schleichen sich ein paar körpereigene Drogen in den Organismus.

Plötzlich ein Ort! Die finale Stärkung im „Waldhotel Fehrenbach“ in Alpersbach, Kaffee, hausgemachter Kuchen, herrje, uns geht´s gut.

Schließlich ein letztes Mal aufstehen, die letzen Kilometer. Prompt schicke ich die Truppe in die falsche Richtung. Wir wollten nach Hinterzarten, finden uns aber plötzlich tief unten im Höllental wieder. Spott und Häme. Und der unweigerliche Sprint das Löffeltal hoch zurück nach Hinterzarten. Unsere Bahn wartet nicht, 17.15 Uhr geht´s zurück. Wir schaffen es, pünktlich. Es bleibt sogar noch Zeit für einen „Belchengeist“. Anstoßen, ex und hopp, ab in die Bahn. Nach exakt 24 Stunden, rund 70 Kilometern und mehr als 1800 abgewanderten Höhenmetern. Wie hat er getanzt, der Bi-ba-butzemann.