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Von Misthaufen, Kartoffelsuppe und Franzbrantwein

„Ich könnt jetzt grad in die Suppe liegen“, murmelt unser Guide Andi neben mir mit einem seligen Lächeln auf dem Gesicht, als wir nach Einbruch der Dunkelheit im heimeligen Restaurant Seehof am Windgfällweiher Pause machen. „Warum? Ist dir kalt?“, frage ich erstaunt, denn in den ersten Stunden unserer 24-Stunden-Wanderung wurden wir von der Sonne verwöhnt. „Nein, aber die Suppe ist so fein“ antwortet er verträumt und scheint in Gedanken schon in die Kartoffelsuppen-Welten abgetaucht zu sein.

Zu diesem Zeitpunkt haben wir schon ein Drittel der Zeit hinter uns gebracht. Gut acht Stunden zuvor waren wir um 14 Uhr mit 43 wackeren Teilnehmern und 5 Wanderguides – unseren Original Hinterwäldern – in Bonndorf zu unserer 24-Stunden-Wanderung aufgebrochen. Um genau zu sein: gestartet wurde am Misthaufen in Wittlekofen, einem kleinen Ortsteil der Schwarzwaldgemeinde Bonndorf. Mit Volldampf, hochmotiviert und voller Energie zieht die Wander-Karawane oder besser der Wander-Schnellzug mit Karacho los. Die Meute ist fast nicht zu bremsen, als es durch das wildromantische Steinatal vorbei an den Roggenbacher Schlössern geht. Selbst das Kamerateam vom ZDF kann die Truppe nicht aufhalten. Für eine Sendung über den Schwarzwald sollen auch Momente unserer 24-Stunden-Wanderung eingefangen werden. Mit großem Respekt und vielen Schweißperlen muss das Fernseh-Team jedoch einsehen, dass wir flott – zu flott - unterwegs sind. Nach maximal zwei Kilometern haben wir das Team abgehängt. Fortan gibt es nur noch aus der Ferne ein paar Kameraaufnahmen, anstatt Interviews während des Wanderns.

In Rothaus marschieren wir am sogenannten „Hüsli“ vorbei, das damals Prof. Brinkmann aus der Heimatserie „Schwarzwaldklinik“ als Wohnhaus diente und heute noch als Heimatmuseum sehenswert ist. Wir warten jedoch vergebens auf den schnittigen Udo Brinkmann mit seinem weißen Golf Cabrio und marschieren stattdessen weiter zur Rothaus Brauerei. Denn im Gasthof wartet nach den ersten drei Wanderstunden ein feines Abendessen auf uns. Von unseren vier munteren Wanderern aus dem Rhein-Main-Gebiet erfahre ich beim Schlemmen der hausgemachten Spätzle, dass zwei von ihnen zum ersten Mal im Schwarzwald sind. Und dann gleich 24-Stunden Schwarzwald pur! Das nenn ich mal ein richtiges Schwarzwald-Kennenlern-Erlebnis! Da wir im Herzen der Kultbrauerei Rothaus Rast machen, dürfen sich die Vier auch ein „Märzen“ zum Essen gönnen. Na dann, Prost!

Gut gestärkt führen unsere Guides Miri und Dani die Gruppe weiter an in Richtung Schluchsee, an dessen Ufer wir bei strahlendem Sonnenschein entlangwandern. Allmählich senkt sich die Sonne ab und wir genießen die Abendstimmung am See. In Aha – am Ende des Stausees angelangt – reicht sogar die Zeit, um die Wanderschuhe auszuziehen und die dampfenden Füße ins kalte Wasser zu tauchen. Zisch – das tut gut!

Jetzt ist es nur noch ein Katzensprung zum idyllischen Windgfällweiher, wo wir bei Einbruch der Dunkelheit ankommen. In der urgemütlichen Stube des Gasthof Seehof lodert das Feuer und wir lassen es uns gut gehen, bevor es uns weiterzieht in die Nacht.

Stirnlampen an und weiter geht’s durch Falkau Richtung Saig. Inzwischen haben wir das Tempo gedrosselt und sind in „normaler“ Wandergeschwindigkeit unterwegs – schließlich haben wir noch einige Stunden vor uns und wollen alle heil ins Ziel bringen. Im Dunkeln verstummen die Gespräche allmählich; nur ein bemütztes sympathisches Plappermaul redet ohne Punkt und Komma…

Die Temperaturen sind noch immer relativ mild und es wird in der gesamten Nacht kaum kälter als 10 Grad. Es gibt sogar ein paar männliche Teilnehmer in der Runde, die die ganze Nacht in kurzen Hosen und hemdsärmlig gehen – echte Männer halt!

Wolken ziehen auf, ein paar einzelne Regentropfen benetzen unsere kalten Nasen, aber kaum der Rede wert. Noch immer begleitet uns das Funkeln der Sterne am Himmel. Aber dafür hat jetzt kaum noch einer ein Auge. Denn jetzt kommt die Kür – bisher war alles pille-palle. Der Aufstieg auf den Hochfirst erwartet uns. Im Dunkeln geht es Schritt für Schritt nach oben. Jeder findet seinen eigenen Rhythmus. Belohnt werden wir auf dem Weg nach oben mit dem Ausblick zum tief-schwarz unter uns liegenden Titisee. Und über der Kuppe wartet die nächste Überraschung: Unser Jörg – heute unser „Mädchen für alles“ und „Mann im Hintergrund“ – wartet auf 1.190 Metern mit einem heißen Tee und frischem Nusszopf auf uns. Nachts um 2 Uhr. Die Hälfte ist geschafft! „So sehr habe ich mich noch nie über einen Hefezopf gefreut“, murmelt es mampfend neben mir!

Doch lange verweilen wir nicht. Denn wir wackeren Wanderer wollen weiter. Ein steiler und anspruchsvoller Abstieg steht uns bevor. Toter Punkt? Fehlanzeige! Denn höchste Konzentration ist gefordert auf den schmalen Wurzelpfaden, die uns in der nächsten Stunde hinab nach Neustadt führen. „Wanderer, ich sehe Wanderer“, schallt es lallend vom Bahnhof in Neustadt zu uns herüber. Die letzten Partygänger sind in dieser Freitagnacht morgens um halb vier auf dem Weg nach Hause und glauben schier, an Halluzinationen zu leiden, als sie uns sehen. Wir sind darüber erhaben und amüsieren uns ob der skurrilen Szene.

Weiter geht’s. Für Müdigkeit bleibt keine Zeit. Über offene Wiesen verlassen wir die Stadt. Das weiche Gras unter den dicken Wanderstiefeln tut den müden Füßen gut. Angenehmes Gehen. Hintereinander reiht sich die lange Schlange von tanzenden Stirnlampen ein. Und es geht wieder bergauf. Es dämmert. In den Ställen der Bauernhöfe, die wir auf dem Weg nach Schwärzenbach passieren, brennt schon Licht. Respekt vor diesen fleißigen Schwarzwäldern – die sind wohl wirklich mit dem frühen Vogel auf du und du. Vor uns erstreckt sich eine immer steiler werdende Teerstraße. Bis zu 18 % steil – und das morgens um 5 Uhr. Doch alle beißen die Zähne zusammen und kämpfen sich nach oben. Unsere drahtigen und topfiten Marathon-Läufer unter unseren Teilnehmern an vorderster Front – sie sind nicht mehr zu bremsen. Weiter hinten geht es in der Gruppe langsamer und Schritt für Schritt dem Sonnenaufgang entgegen. Der zeigt sich auf der Hochebene allerdings nur sehr verhalten hinter den Wolken. Und irgendwie hat auch keiner mehr ein Auge dafür. Denn das Frühstück ruft. Endlich Kaffee, endlich Pause!

In der urigen Scheune des Haberjockelshofs wurde ein Frühstücksbuffet vom Feinsten für uns gezaubert. „So ein feines Bauernbrot hab ich noch nie gegessen“, höre ich zwischen den klappernden Kaffeetassen. Andere wiederum genießen den herrlichen Blick hinunter ins Tal aus den Liegestühlen, die so einladend vor der Scheune stehen. Hinterm Hof führt gerade ein Berliner Kurgast morgens um halb sieben im rosa-weiß gestreiften Schlafanzug und Gummistiefeln seinen Hund Gassi. Eine weitere Szene zum Thema „skurrile Momente“.

Die meisten Höhenmeter sind geschafft, aber es heißt trotzdem nochmal beißen, denn sieben Stunden stehen noch bevor! Im munteren Auf und Ab geht es auf Teilen des Westwegs und dem Fernskiwanderweg in Richtung Thurner. In der Ferne schweift unser Blick zum Hochfirst, den wir vor etwa acht Stunden in dunkler Nacht bestiegen haben. Irgendwie unwirklich.

Die Sonne scheint. Ein paar Wolken ziehen auf. Immer wieder öffnen sich Panoramablicke zum Feldberg. Der Höchste im Schwarzwald begleitet uns nun schon seit Stunden. Und wir wandern und wandern. Immer öfter müssen Blasen verarztet, Knie mit Tape versehen, Oberschenkel mit Franzbranntwein eingerieben, Arme gestreckt oder Waden gedehnt werden. Meter für Meter kommen wir dem Ziel näher. Unser Guide Sarah motiviert nochmals jeden Einzelnen und treibt die Gruppe voran. Nach der nächsten Weggabelung zeigen sich die beiden imposanten Türme des St. Märgener Klosters. Da wollen wir hin. Da ist unser Ziel. Doch es liegt noch etwa eine Stunde Marsch vor uns. Und eine Einkehr im Gasthof Sonne in Neuhäusle. Dort stärken wir uns für die letzten Kilometer mit Wurstsalat, Bibiliskäs und Bratkartoffeln. Ein badisches Dreierlei. Mmmh, wie das schmeckt! Genau das Richtige, um die letzten Kräfte zu mobilisieren.

Anschließend ist die Truppe nicht mehr zu halten. Mit großen Schritten geht es dem Ziel in St. Märgen entgegen. Der Himmel öffnet seine Schleusen und will uns zum Abschluss noch die Laune verderben. Aber nicht mit uns. So ein bisschen Regen kann uns überhaupt nichts anhaben. Erhobenen Hauptes und mit einem riesengroßen Glücksgefühl kommen wir in St. Märgen an. Was für eine tolle Tour, was für eine Spitzen-Truppe. 64 Kilometer Schwarzwald pur. 24 Stunden reines Schwarzwaldglück!