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Von riesigen Dachsen, lauten Revoluzzern und einer romantischen Hochzeitsreise

Die Luft ist zum Zerschneiden, als wir aus dem klimatisierten Bus aussteigen, der unsere Teilnehmer von Kirchzarten zu unserem Startpunkt der 24-Stunden-Wanderung nach Albbruck bringt. Ich linse hinüber zur Temperaturanzeige der Sparkasse: 23.06.2017, 11:47 Uhr, 34 Grad. Das wird eine Hitzeschlacht! Um punkt halb eins legen wir los: 24 Stunden wandern von Albbruck nach Kirchzarten – vom Hotzenwald über den Hochschwarzwald bis vor die Tore von Freiburg. Voller Freude, Aufregung und Spannung, was uns da erwartet, legen wir los. Schon nach wenigen Metern tauchen wir ein in den Wald, so dass uns die Bäume gut abschirmen von der Sonne, die weiter gnadenlos hinunter brezelt. Das Geplapper unter den 47 Teilnehmern hält Schritt mit den Füßen, die stetig bergauf marschieren. Viele alte Bekannte, die sich schon mehrmals auf das Abenteuer 24-Stunden mit uns eingelassen haben, treffen auf neue Gesichter. Rolf aus Kissing, der bereits zum dritten Mal dabei ist, wundert sich, dass bei den vier Guides auch ein Mann dabei ist. „Sonst ward ihr doch immer nur Mädels!“ Tja, in diesem Jahr ist Marc unter den Guides unser Quoten-Mann neben Sarah, Kim und Paddy.
Geschichtsträchtig geht es los, als wir auf dem neuen Albsteig durch den berüchtigten Hotzenwald wandern. Denn wir erfahren hier, dass die Hotzenwälder richtige Revoluzzer waren und zu den Zeiten, als sie noch zu Vorderösterreich gehörten, die Bauernaufstände angezettelt haben. Diese gipfelten schließlich in den Salpetererkriegen. Was es mit den Salpeterern auf sich hatte, das haben die Teilnehmer bestimmt verinnerlicht… und woher der Name „Hotzenwald“ kommt, auch! Waren nun die „Trachtenhosen“ die Namensgeber, die „Wälder“ oder liegt es doch daran, dass die Hotzenwälder gerne Hutzelbrot essen?!
Kurz vor unserer ersten Einkehrstation müssen wir etwa einen Kilometer den Asphalt hinauf gehen. Die Sonne brennt. Das Gasthaus Löwen in Tiefenstein lockt. Dort angekommen, bricht der Schweiß am gedeckten Tisch erst richtig aus. Der Ort wird von uns in „Triefenstein“ umbenannt. Die Fenster laufen an. Arme Bedienung! Schnitzel, Spätzle, Pommes und Salat kommen jetzt genau richtig und geben Energie, für das, was kommt!
Weiter geht es durch die Höllbachschlucht. Schöner könnte der Weg bei diesen Temperaturen nicht sein. Wir werden förmlich vom Wald verschluckt und erst nach Stunden wieder ausgespuckt. Zwischendurch ist Zeit, um in der nicht mehr ganz so kühlen Alb die Füße einzutauchen. Das tut gut!
Wir nähern uns Dachsberg. Der Name ist hier wohl Programm. Denn plötzlich galoppiert von links oben ein Dachs im Schweinsgalopp (oder müsste das nicht eher „Dachsgalopp“ heißen?!) auf uns zu. Kurz vor knapp, mit seinen kurzsichtigen Augen, bemerkt er uns und bremst doch noch ab. Zum Glück, denn das Tier ist riiieesig…zumindest für mein Empfinden. Von unserer Sarah – die Jägerin ist – erfahre ich allerdings, dass es sich lediglich um einen Jungdachs handelt. Nicht nur der Dachs, auch ich bin kurzsichtig. Na dann…!
In Wolpadingen wartet unser Jörg mit Wassernachschub auf uns. Eigentlich ist er mit unserem Logistikfahrzeug unterwegs, zieht im Hintergrund die Fäden und steht für Notfälle parat. Bei den heutigen Temperaturen benötigen wir ihn zusätzlich immer wieder als Wasserträger!
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit gelangen wir zum Klosterweiherhof in Wittenschwand. Mit Suppe und Kuchen stärken wir uns für die Nacht. Die Pause tut gut. Schließlich sind wir schon seit neun Stunden unterwegs. Die Stirnlampen werden ausgepackt, das Nachtgewand angezogen, die Zähne geputzt und los geht’s. Über den Schluchtensteig gelangen wir nach St. Blasien hinab. Im Dunkeln sehen wir schon von weitem die beleuchtete Kuppel des Doms. Leise marschieren wir am Kolleg St. Blasien vorbei und machen aus auf den Weg nach Menzenschwand. Es ist 0 Uhr. Zeit, um für unseren Teilnehmer Michael ein Geburtstagsständchen zu singen. Wieso er um alles in der Welt die 24-Stunden-Wanderung gewählt hat, um seinen Geburtstag zu feiern, will ein Teilnehmer wissen. „Der Termin lag halt einfach so“, antwortet Michael. Tja…so einfach ist das manchmal!
Aber nicht nur Michael hat etwas zu feiern; auch unser Pärchen Melanie und Martin aus Hechingen hat einen besonderen Anlass: Für sie ist die 24-Stunden-Wanderung ihre Hochzeitsreise, nachdem sie im April spontan geheiratet haben. Ein ganz kleines bisschen romantisch geht es bei uns schließlich auch zu, als wir nachts die Stirnlampen ausschalten und den Sternenhimmel über uns bewundern.
Aber die Romantik geht beim ein oder anderen sicherlich flöten beim Kampf gegen die Müdigkeit, gegen die Nacht, gegen den inneren Schweinehund und gegen den ellenlangen Weg nach Menzenschwand, der mitunter ganz schön eintönig erscheint. Um kurz vor drei Uhr morgens gelangen wir zum Café und Bergbeizle Kuckuck, auf dessen Terrasse uns eine gute Fee Tee und Kuchen bereit gestellt hat. Lange pausieren können wir allerdings nicht. Denn der Feldberg ruft. „Jeder geht in seinem eigenen Tempo die 8 km und die 600 Höhenmeter hinauf“, stimmen wir Guides die Teilnehmer auf den Anstieg ein. Für die erprobten Wanderer ist das eine willkommene Einladung, um Gas zu geben. Strammen Marsches wird der Berg in Angriff genommen. Für die Endmoräne des Feldberggletschers, der uns auf der rechten Seite flankiert, hat keiner mehr einen Blick. „Toll, dass wir hier so schnell gehen durften, wie wir wollten“, raunt mir die topfitte Franziska später zu.
Doch was ist das? Gerade, als wir in Richtung Seebuck – dem Nachbarn des Feldbergs – marschieren, ziehen Wolken auf. Die Sonne geht auf…nur wir sehen sie nicht. Nur ein roter Balken ist gen Osten zu sehen. Nieselregen, Wind und Müdigkeit lassen uns nun auf dem Gipfel des Seebuck doch frösteln, nachdem fast alle die Nacht in kurzen Hosen und T-shirts durchwandert sind. Die Letzten werden zwar heute nicht die Ersten sein, aber dafür diejenigen mit dem meisten Glück: unsere Schlusslichter werden tatsächlich für drei Sekunden mit einem feuerroten Sonnenball belohnt, der sich ganz kurz durch die Nebeldecke kämpft. Doch nochmal ein bissle Romantik für unsere Flitterer! Der schnelle Trupp ist zu der Zeit bereits auf dem Weg hinüber zum Feldberg. Die Aussichtsplattform des „Höchsten“ mit seinen 1.493 Metern lassen wir heute jedoch rechts liegen und steigen hinab zur St. Wilhelmer Hütte, in der die Vollmers schon mit einem herrlichen Frühstücksbuffet auf uns warten.
Kaffee, Weckle, Müsli, Spiegelei und nicht zuletzt das Tageslicht geben uns allen wieder neue Energie. Für unser Geburtstagskind Michael hat sich sogar noch ein Schnäpsle im Vogelhiesli vor der Hütte versteckt. Kann man ja morgens um sieben Uhr mal trinken…!
Von nun an geht’s fast nur noch bergab. Ein doofer Gegenanstieg bei der Stollenbacher Hütte ist unumgänglich. Aber mittlerweile sind wir alle nur noch am Kilometer abspulen, so dass es fast egal ist, was da noch kommt. Schier unendlich scheint der fast vier Stunden lange Abstieg über breite Wege und über schmale Pfade. Plötzlich taucht vor uns ein Auerhuhn auf. Was für ein seltener Anblick von diesem scheuen und vom Aussterben bedrohten Tier. Für das Beweisfoto fehlt die Zeit, denn schnell hüpft und flattert das Tier davon.
Nochmals höchste Konzentration fordert der Felsenweg, der über steinige Pfade vorbei an Kletterfelsen führt. Es schießt in den Rücken und in die Knie. Und es geht immer weiter bergab. „0 % Lust habe ich noch“, tönt es da vereinzelt. Doch keiner wird jetzt noch aufgeben. Im Hirschen in Oberried werden wir mit einem Badischen Dreierlei aus Wurstsalat, Bibiliskäs und Brägele wieder aufgebaut.
Jetzt sind es nur noch 3 km bis ins Ziel nach Kirchzarten. Das wird ein Triumphmarsch. „Alle schaffen das noch. Jeder geht sein eigenes Tempo.“ Diese Ansage nehmen die Bergläufer Frank und Daniel wörtlich: sie joggen ins Ziel! Chapeau!
In Kirchzarten dürfen wir Guides jedem der 44 Teilnehmer, die es ins Ziel geschafft haben, eine Medaille umhängen. Wir umarmen uns. 68 Kilometer und über 2.000 Höhenmeter liegen hinter uns. „Zwischendurch habe ich dich so oft verflucht“, bekomme ich zu hören. Oder „Es war sauanstrengend“. Aber am Ende sind alle glücklich, es geschafft zu haben. Die ein oder andere Freudenträne kullert hinunter.
Für zwei Freundinnen waren die 24-Stunden ein Trainingslauf für ihre Alpenüberquerung in 3 Wochen. Für Sascha war es die Kür nach seinem 900 km langen Jakobsweg im Frühjahr. Für Michael war es mit seinem Kumpel Manuel die Geburtstagsfeier. Für unser Hochzeitspaar waren es die Flitterwochen. Für Kerstin und Florian war es eine schöne und herausfordernde Abwechslung zu den Wandertouren in ihrer Heimat, dem Harz. Für unsere Pink-Lady aus Hannover war es ein willkommener Anlass, um alle ihre bunten Klamotten auszuführen. Für unsere dreifach-Mama war es eine gelungene Auszeit statt eines Wellnesswochenendes. Für Beatrix war es eine entspannte sowie kulinarische Tour nach ihrem Rigi-Marsch. Und für alle unsere Bergläufer war es sowieso ein Klacks!
Und für uns Guides…was soll ich sagen: „Es war einfach wieder „ä Träumli“. Auch im siebten Jahr war diese 24-Stunden-Wanderung wieder etwas ganz Besonderes für uns dank einer wunderschönen Strecke, aber vor allem dank ganz wundervoller Teilnehmer, die das gemeinsame Erlebnis zu etwas Einmaligem gemacht haben.“